Hohle Paradiese

Totholz Baumhöhle Stammhöhle
Abgebrochene Äste können der Startschuß für die Entwicklung einer Baumhöhle sein
Totholz Baumhöhle Stammhöhle

Alte Baumbestände sind von unschätzbarem ökologischen Wert und durch nichts zu ersetzen. Wenn sich in diesen alten Veteranen auch noch ausgedehnte Mulmhöhlen finden, potentiert sich ihr Wert noch weiter.

 

Die Höhlenöffnung sagt oft nichts über die Größe des dahinter liegenden Hohlraumes aus. Eine durch Überwallungsprozesse stabilisierte kleine Öffnung bietet oft einen vor Kälteverlust und Feinden geschützten Zugang in geräumige Großhöhlen. In 140-jährigen Rotbuchen (Fagus sylvatica) wurden schon bis zu 900 Exemplare des Großen Abendseglers (Nyctalus noctuala) gefunden. Derart stark besuchte Höhlen können im Lauf der Jahre bis zur Unbewohnbarkeit mit Kot aufgefüllt werden. Dieser Zustand ist aber nur vorübergehend. Larven von Kammschnaken (Flabelliferinae), Dungfliegen (Sphaeroceridae), Dunkelfliegen (Heleomyzidae), Mulmpflanzenkäfer (Alleculidae), Blatthornkäfern (Scarabeidae) und andere Insektenlarven sorgen zusammen mit den Pilzen für einen raschen Abbau an der „Kot d´Azur“ und schon bald ist der Kot geknackt.

 

Totholz Baumhöhle Stammhöhle

Für konstante Feuchtigkeitsbedingungen in den zunehmend verpilzten und vermorschten Stammbereichen sorgt der unablässige Sog wässriger Nährsalzlösung von den Wurzeln in den Kronenbereich. Das von Pilzmyzelien durchsetzte Holz wird von myzelfressenden Käfern besiedelt. Durch Weißfäule abgebautes Holz erfreut unter anderem den Beulenkopfbock (Rhamnusium bicolor) an und bestimmte Holzrüsselkäfer (Cossoninae) wie den Walzenförmigen Faulholzrüssler (Cossonus cylindricus), den Gemeinem Faulholzrüssler (Cossonus linearis) und den Zweifarbiger Faulholzrüssler (Cossonus parallelepipedus). In vom Schwefelporling (Laetiporus sulphureus) abgebautem, braunfaulem Holz finden sich wieder andere Arten. Hier dominieren die Pochkäfer (Anobiidae) Anitys rubens, Dorcatoma chrysomelina und Dorcatoma flavicornis, die Schnellkäfer (Elateridae) Lacon querceus und Ampedus cardinalis und der Schwammkäfer (Cisidae) Mycetophagus piceus.

 

In bereits stärker abgebautem Holz nistet häufig die Kleine Braune Holzameise (Lasius brunneus). Ihre dauerhaften Kolonien produzieren beim Ausnagen der ausgedehnten Gangsysteme große Mengen an Holzmulm. Rund 40 Käferarten sind eng mit dieser Ameisenart vergesellschaftet. Sie leben von Beuteresten, den Ameisen und ihrer Brut oder ernähren sich von Milben, die sich speziell auf diese Ameisenart spezialisiert haben.

 

 

Totholz Baumhöhle Stammhöhle

Der baufreudige Schwarzspecht (Dryocopus martius) hackt oft mehrere seiner Höhlen in den gleichen Stamm. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte vergrößern Pilze und Insekten durch ihre Abbautätigkeit diese Hohlräume, die dann irgendwann ihren Durchbruch erreichen und zu einer Großhöhle verschmelzen.

 

Der materialreiche Mulmkörper am Boden, die dreidimensional strukturierten, vielfältig zerklüfteten Innenwände mit eingelagerten Mulmtaschen und das in allen Vermorschungs- und Feuchtigkeitsstufen vorliegende Holz stellen einen enorm vielfältigen und komplexen Lebensraum dar. In dieser Phase treten zwei seltene Rote-Liste-Arten auf, der Eremit (Osmoderma eremita) und der Feuerschmied (Elater ferrugineus). Sobald der Höhlenboden das Erdniveau erreicht, verändern sich die Verhältnisse abermals. Durch den direkten Kontakt mit dem feuchten Erdreich und den darin lebenden Mikroorganismen, wird der Abbau des Holzmulms noch weiter beschleunigt. Mäuse errichten in den trockenen Bereichen ihre Vorratslager. Ihre Haare, Kot, Nahrungsreste und Nistmaterial ziehen spezialisierte Nestbewohner an.

 

Das am Inneren der Höhlenwände herabrinnende Wasser und der Kontakt mit der Bodenfeuchtigkeit führt zu vernässten, sauerstoffarmen Teilbereichen. In diesem nur scheinbar unwirtlichen Lebensraum entwickeln sich der Bluthalsschnellkäfer (Ischnodes sanguinicollis) und die Schwebefliege Xylota lenta in feuchtfröhlicher Begeisterung. Maulwürfe und Mäuse vermischen beim Graben Erde und Holzmulm, in diesem lehmartigen, mit Holzresten durchsetzten Gemenge fühlt sich der Blaue Schnellkäfer (Limoniscus violaceus) wohl. Baumhöhlen werden früher oder später von Vertretern der verschiedensten Tiergruppen besiedelt: Staatenbildende Insekten (Ameisen, Hornissen und andere Wespenarten, Honigbienen), Höhlenbrüter wie der Steinkauz (Athene noctua) oder die Hohltaube (Columba oenas), Bilche, Mäuse und Fledermäuse.

 

 

Totholz Baumhöhle Stammhöhle

Organisches Material in Form von Federn, Haaren, Eiern, Beuteresten, Nistmaterial, Gewöllen, Kot und Tierleichen führt zu einer geradezu explosionsartigen Vermehrung des sonst bescheidenen Nährstoffangebots. Echte Motten (Tineidae) und Speckkäfer (Dermestidae) stürzen sich voller Freude auf Haare und Federn, deren extrem widerstandsfähiges Protein (Keratin) nur von wenigen Organismen abgebaut werden kann. In den organischen Abfällen gedeihen Stutzkäfer (Histeridae), Kurzflügelkäfer (Staphylinidae) und Fliegenlarven.

 

Auch im Inneren der Baumhöhlen fruchtende Pilze erweitern und bereichern das Nahrungsangebot.

 

In feuchten Waldgesellschaften findet sich im Inneren von Baumhöhlen eines der wenigen Plätzchen, in denen sich auch extreme Trockenheitsfanatiker wohl fühlen. Dazu gehören die Schwarzkäfer (Tenebrionidae) deren bekanntester Vertreter wohl der „Mehlwurm“ ist, die Larve des Mehlkäfers (Tenebrio molitor). In Bäumen trifft man auf den Mattglänzenden Mehlkäfer (Tenbrio opacus) der sich in staubtrockenem „Holzmehl“, einer Mischung aus Holzmulm, Federn, Knochen, Insektenresten und altem Nistmaterial wie zu Hause fühlt. Vermutlich hat er einen recht trockenen Humor, seinen Wasserbedarf deckt er so gut wie ausschließlich über den Fettabbau im Körper, bei dem chemisch gebundenes Wasser frei gesetzt wird.

 

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dieser Schwarzkäfer nie der Schwebefliege Myolepta dubia begegnen. Sie lebt als Filtrierer von Bakterien in wassergefüllten Baumhöhlen. Ein teleskopartig verlängerbares Atemrohr versorgt sie mit dem nötigen Sauerstoff.

 

 

Baumhöhlen zeichnen sich durch eine enorme Vielschichtigkeit aus und bieten Lebensraum für eine breite Palette von Spezialisten. Der Schutz bestehender Höhlenbäume und die Sorge um geeigneten „Nachwuchs“, der bis zu seinem natürlichen Tod nicht der forstlichen Nutzung unterliegen darf, ist daher ein wichtiges Anliegen des Naturschutzes.

 

Der ökologische Wert der Stämme hängt entscheidend vom Stammdurchmesser und damit vom Alter ab. Nur im Inneren umfangreicher Stämme bleiben die Verhältnisse über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte stabil und führen so zum Aufbau eines umfangreichen Mulmkörpers. Bäume mit einem Stammdurchmesser unter 80 cm sind für die Entstehung von Großhöhlen kaum geeignet. Bei der Rotbuche (Fagus sylvatica) treten Großhöhlen ab einem Alter von 200 Jahren auf, bei Stieleiche (Quercus robur) und Traubeneiche (Quercus petraea) ab einem Alter von 250 bis 300 Jahren. Fatalerweise gestattet die Forstwirtschaft nur wenigen Bäumen eine derartig lange Lebenspanne.

 

Mit dem endgültigen Absterben der malerischen Baumruine versiegt schlagartig sowohl der Wasserstrom von den Wurzeln zur Krone, als auch der Transport der in der Photosynthese gebildeten Zucker zu den Wurzeln. Nährstoff- und Feuchtigkeitszufuhr werden schlagartig unterbrochen, das Holz trocknet aus. Damit reduziert sich das Artenspektrum auf trockentolerantere Formen.

 

Solitäre Wildbienen und Wespen, die verlassene Insektenfraßgänge zur Anlage ihrer Brutzellen benutzen, profitieren von der neuen Situation, da sich dadurch die Gefahr einer Verpilzung ihrer Brut deutlich reduziert. Obwohl sich in den Insektengängen zunehmend nährstoffhaltige Substanzen wie Bohrmehl, abgestorbene Brut, Pollen- Beutereste und Insektenleichen anhäufen, findet durch den Wassermangel nur noch ein sehr langsamer Abbau statt, auch die organischen Reste anderer Höhlenbesiedler reichern sich an. Viele Pilze können unter den extrem trockenen Bedingungen keine Pilzfruchtkörper mehr bilden.

 

Bricht der morsche Stamm irgendwann endgültig in sich zusammen, hat er direkten Kontakt zum feuchten Boden, und die bisher im Inneren der Baumhöhle geschützten trockenen Bereiche sind nun der Witterung ausgesetzt. Diese veränderten Bedingungen bringen alle Pilze im Umfeld auf Trab, die kläglichen Reste der Baumruine werden innerhalb kürzester Zeit zum Tummelplatz von Pilzfruchtkörpern, großflächigen Schimmelpilzbelägen und Schleimpilzen. Dieses neu eröffnete Buffet wird von Schimmelkäfern (Cryptophagidae) wie Atomaria elongatula und Atomaria badia genutzt. Die lange Reise des Baums nähert sich langsam ihrem Ende.

 

Quelle: Lebensraum Totholz, pala-Verlag, 2010


Gebundene Ausgabe (Hardcover): 180 Seiten

Autor:                                             Werner David
Preis:                                              14 Euro
Verlag:                                            pala-Verlag;
2.verb. Auflage 2012
ISBN-10:                                        978-3-89566-270-6

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