"In den Eingeweiden Münchens" oder "der Tragödie zweiter Teil"

U-Bahnhof Marienplatz München HDR
U-Bahnhof Marienplatz München

(Den ersten Teil findet ihr HIER). Irgendwie stehe ich immer noch unter Schock. Aus reinem Jux und Tollerei hatte ich der zuständigen Sachbearbeiterin der Münchner Verkehrsgesellschaft den Vorschlag gemacht, mir pauschal eine Fotogenehmigung für ALLE Münchner Bahnhöfe auf einmal auszustellen. War ja nur ein Scherz! Die lakonische Antwort „Kein Problem. Die  Jahresgenehmigung ist übrigens auch gratis.“

 

"Gratis" wie in "umsonst"?? Ich hatte heute Morgen doch definitiv keine Magic Mushrooms im Müsli, oder? Kurzer Check - meine Stirn ist weder kaltschweißig noch fiebrig, alle Parameter scheinen im physiologischen Bereich zu liegen. Es gibt allen Ernstes eine waschechte, sicherheitsdienstresistente Foto-Jahresgenehmigung für das Münchner U-Bahngesamtnetz?? Regnet es plötzlich nach oben? Hey, Leute wir sind in Deutschland, ver ... glutaeus maximiert mich doch nicht. Sind tatsächlich keinerlei Kröten, Mäuse, Penunze, Zaster, Piepen etc. erforderlich? Mein Vertrauen in die Bayerische Verwaltung ist bis in die Grundfesten erschüttert! Ich bin geradezu empört!! Wie soll man ein grundsolides Feindbild aufbauen, wenn man mit gezückter Panzerfaust durch weit offene Türen brettert? 5 Minuten nach meinem E-Mail hielt ich fassungslos die Fotogenehmigung als PDF Datei in meinen zitternden Händen.

 

Nachdem ich diesen Schildbürgerstreich bayerischer Bürokratie nun endlich schriftlich mein eigen nenne, werde ich dafür sorgen, dass jeder Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes auch garantiert auf mich aufmerksam wird. Nichts ist frustrierender als eine Genehmigung, die kein Schwein sehen will. Ich werfe mich also in Schale: Turban, die verspiegelte Sonnenbrille, der artgerechte, zerzauste Al-Quaida-Vollbart (leider unecht) und mein brandneues „Alete akbar“-T-Shirt. Außerdem murmle ich kontinuierlich bedrohliche klingende arabische Floskeln vor mich hin. Mein Wortschatz nach einem Jahr Arabischunterricht in grauer Vorzeit ist zwar fast wieder auf den Nullpunkt, aber die Zahlen von 1-10 bekomme ich noch hin. Wenn man bei ihrem Rezitieren mit den Augen rollt, dabei gehetzte Blicke nach links und rechts wirft und ab und zu laut „Shejtan“ brüllt, ergibt das einen durchaus zufriedenstellenden Gesamteindruck. Kurzum ich bin der Prototyp eines erfolglosen Hobby Terroristen und sollte eine potentielle Beute für jeden Sicherheitsdienst abgeben.

 

3 Stunden später. Die Wirkung meines Auftritts ist absolut niederschmetternd. Obwohl ich an jedem der ersten beiden Bahnhöfe jeweils gut eineinhalb Stunden verbracht habe, gönnt mir keine Sau auch nur einen zweiten Blick. Kein Wunder wenn unsere Republik den Bach hinuntergeht bei derart gleichgültigen und verantwortungslosen Staatsbürgern! Eine Schande sowas! Endlich steuert eine würdige, ältere Matrone direkt auf mich zu. Ich höre förmlich schon ihr empörtes „Hier dürfen sie aber nicht fotografieren!“. Ich durchbohre sie mit meinem vor dem Badezimmerspiegel geübten, verstörenden Meuchelmörderblick und schlage sie mühelos in die Flucht. Ha! Die 0,50 € Münze die sie vorher in meine offene Fototasche wirft, schmälert diesen Triumph allerdings ein wenig.

 

Ich wage einen allerletzten Versuch am U-Bahnhof Marienplatz. Durch seine zentrale Lage kann man ihn fast nicht umgehen, in den Spitzenzeiten im Berufsverkehr werden hier über 35.000 Personen transportiert. Wenn die Behörde irgendwo auf der Hut sein sollte, dann doch wohl hier. Auf ein Neues! Nach einer frustrierenden ersten halben Stunde scheint sich das Blatt doch noch zu wenden. Zwei Polizisten erscheinen auf der Bildfläche, werfen sich bei meinem Anblick einen bedeutsamenBlick zu, nicken wissend und marschieren schnurstracks auf mich zu. Na also, geht doch, wurde ja auch langsam wirklich Zeit. Wenigstens auf unsere bayerische Exekutive ist Verlass, noch besteht Hoffnung. Endlich kann ich meine Fotogenehmigung voll Stolz an den Mann bringen, das war ja schließlich das Ziel dieser ganzen Übung. Der ältere der beiden Beamten, ein Veteran, der so zäh und ledrig aussieht, als hätte man ihn zu lange geräuchert, wirft einen interessierten Blick auf mein Kameradisplay. „Gute Perspektive!!" Er nickt mir freundlich zu, dann drehte er sich um und lässt mich völlig fassungslos zurück. Wie denn ... äh ... HEY! Ich bin ein Fast-Top-Ten-Terrorist, du Armleuchter, das könnt ihr doch nicht mit mir machen. Komm zurück … AUGENBLICKLICH ... SONST HALTE ICH DIE LUFT AN BIS ETWAS GRÄSSLICES PASSIERT ... AAAAAAAAGGHHRRR!!!!

 

Notiz aus der Münchner Lokalpresse: „Am 16. Mai gegen 13:30 Uhr wurde ein Polizist U-Bahnhof Marienplatz von hinten mit einem Carbonstativ niedergeschlagen und leicht verletzt. Das Stativ wurde glücklicherweise nicht beschädigt. Anschließend versuchte der Täter den Beamten in die Wade zu beißen, ein Versuch der durch die Qualität deutscher Uniformstoffe glücklicherweise vereitelt wurde. Der wild um sich schlagende und brüllende Täter muss zwangsfixiert werden. Immer wieder schrie er: „Ich darf hier fotografieren, hört ihr, ich darf das, ihr Hampelmänner. Ich hab diese bescheuerte, lächerliche, kleinkarierte, offizielle Erlaubnis, warum zum Teufel will sie keiner haben? WARUM???“ Seltsamerweise hatten die Beamten den Täter aber gar nicht am Fotografieren hindern wollen. Die Staatsanwaltschaft steht vor einem Rätsel, wir werden weiter berichten.“

 

Zu den Fotos:

 

Ich werde hier der Reihe nach die drei Bahnhöfe vorstellen, die ich geschossen habe. Ich beginne mit dem U-Bahnhof Marienplatz. Sein quietschiges Orange führt immer wieder zu spontanen Netzhautablösungen und implodierenden Kontaktlinsen, ich persönlich mag diese kräftige Farbgebung.

U-Bahnhof Marienplatz München (RAW-Version)
U-Bahnhof Marienplatz München (RAW-Version)
U-Bahnhof Marienplatz München HDR
U-Bahnhof Marienplatz München (bearbeitete Version)

U-Bahnhof Marienplatz München (RAW-Version)
U-Bahnhof Marienplatz München (RAW-Version)
U-Bahnhof Marienplatz München HDR
U-Bahnhof Marienplatz München (bearbeitete Version)

U-Bahnhof Marienplatz München (RAW-Version)
U-Bahnhof Marienplatz München (RAW-Version)
U-Bahnhof Marienplatz München HDR
U-Bahnhof Marienplatz München (beearbeitete Version)

Making of:

 

Der Einsatz eines zirkulären Polfilters reduzierte die Spiegelungen auf den Keramikfliesen deutlich. Durch die klaren perspektivischen Linien wird der Blick des Betrachters wie mit einem Staubsauger in das Bild gezogen. Dummerweise wirkt jedes der lästigen Schilder hier wie ein optischer Stolperstein, deswegen habe ich sie weit gehend retuschiert. (Zum Vergleich stelle ich auch die unbearbeiteten RAW-Dateien ein). Dazu habe ich in unmittelbarer Nähe des Schildes einen Fleck in der gleichen Größe mit dem Lasso selektiert, auf eine neue Ebene kopiert und über das zu retuschierende Schild verschoben. Die Grobanpassung erfolgte im Transformierenmodus „Verzerren“, die Feinanpassung im Modus „Verkrümmen“. Diese Methode funktioniert überraschend präzise, daher waren nicht einmal Ebenenmasken erforderlich. Der Kontrast wurde durch eine Schwarzweißumsetzung mit NIK Silver Efex Pro2 verstärkt, diese Ebene wurde im Ebenenmodus „Luminanz“ (dadurch bleiben die Farbwerte der darunter liegenden Ebene erhalten) mit reduzierter Deckkraft überlagert. Mit dieser Methode werden die Bilder deutlich knackiger, ohne allzu viel an Detail zu verlieren. Die Scharfzeichnung erfolgte mit dem Hochpassfilter, um die Linien noch stärker zu betonen.

U-Bahnhaltestelle St. Qurin Platz München HDR
U-Bahnhaltestelle St. Qurin Platz München

U1, Bahnhof St. Qurin-Platz

 

Dieser U-Bahnhof eignet sich optimal für klaustrophobische Benutzer, da eine riesige, muschelförmige Glaskonstruktion die Sicht nach außen ermöglicht, diese bullaugenförmige Konstruktion ist im U-Bahnbereich ziemlich einzigartig. Sie überspannt den Eingangsbereich mit der Schalterhalle sowie die Aufzügen und Rolltreppen. Untypisch sind auch zwei unmittelbar nebeneinanderliegende Lifte, eine Behinderteneinrichtungen mehreren hundert Plätzen in unmittelbarer Nähe führte zu dieser Maßnahme. Die Bahnsteigwände bestehen aus säulenartigen, ziemlich rustikalen unbehandelten Bohrpfählen, die Decke ist mit reflektierenden Aluminiumpaneelen verkleidet. Durch den relativ dunklen Bahnhof einerseits und das durch die Glaskuppel einfallende direkte Gegenlicht andererseits sind die Kontrastverhältnisse extrem und lassen sich nur mittels HDR bändigen. Die hier vorliegende HDR Bearbeitung mit HDR Efex Pro von NIK Software für meine Verhältnisse fast schon aggressiv zu nennen. Manchmal lasse sogar ich die Sau raus :-).

 

Witzigerweise interessiert mich Architektur normalerweise nicht die Bohne, normalerweise bin ich ausschließlich in der Naturfotografie unterwegs. Um mich zu einem klassischen Bildungsurlaub mit dem Besuch von Kirchen, Schlössern, Museen und Galerien zu bringen, müßte man mir lediglich beide Beine brechen und mich in eine Zwangsjacke stecken. Insofern sind diese Bilder komplettes Neuland für mich, ich stelle aber mit Überraschung fest, daß hier doch ebenfalls einiges an fotografischer Faszination und Herausforderung steckt. Außerdem ist es irgendwie ziemlich witzig, was ich als gebürtiger Münchner an Sehenswürdigkeiten noch nie zu Gesicht bekommen habe

U-Bahnhaltestelle St. Qurin Platz München HDR
U-Bahnhaltestelle St. Quirin Platz München
U-Bahnhaltestelle St. Qurin Platz München HDR
U-Bahnhaltestelle St. Quirin Platz München
U-Bahnhaltestelle St. Qurin Platz München HDR
U-Bahnhaltestelle St. Quirin Platz München

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Kommentare: 1
  • #1

    Helmut Hechtbauer (Samstag, 17 Mai 2014 19:20)

    Moin Werner,
    wieder ein Text zum ablegen, RUM-kugeln, Bauchweh-lachen :-))), typisch Werner eben......
    Die Fotos sind wieder einmal toll, schöne Arbeiten!

    LG Helmut