Anlage und Versorgung der Brutzellen: Teil 1

Frühjahrsputz im Reich der Wildbienen

Rote Mauerbiene Osmia bicornis Brutzelle Schlupf
Blick in die Mauerbienenkinderstube der Rostroten Mauerbiene (Osmia bicornis) unmittelbar vor dem Schlüpfen. Ein Tohuwabohu aus Pollenresten, Larvenkot, Kokonhüllen und lehmigen Zellwandresten [zum Vergrößern bitte anklicken]

Die Ausgangssituation: Im Inneren der verlassenen Niströhren herrscht naturgemäß ein völliges Chaos, das jede ordnungsliebende , DIN-genormte deutsche Hausfrau zu gnadenlosen Frühjahrsputzattacken veranlassen würde. In den verlassenen Brutzellen tummeln sich Larvenkot, Pollenreste, Larvenhäute, Kokonhüllen, abgestorbene Larven und Zellwandreste in fröhlichem Einklang. Falls keinne neuen, bislang unbesiedelten Hohlräume zur Verfügung stehen, müssen die Niströhren von den Wildbienen gereinigt werden.

 

Dabei werden zwei unterschiedliche Strategien verfolgt:

1. Die Mauerbienen: Frühjahrsputz Marke Junggeselle

Solitäre Wildbiene Blick Niströhre
Uff, sauber! [zum Vergrößern bitte anklicken]

Mauerbienen besiedeln in der Regel immer neue, noch unbenutzte Niströhren. Für ein jährlich erweitertes Angebot an Nistplatz sind sie daher dankbar. Nur bei akutem Platzmangel besiedelt die Mauerbiene wohl oder übel auch die bereits im Vorjahr besiedelten Niströhren. Im Gegensatz zu den geradezu putzwütigen Löcher- und Scherenbienen kann eine Mauerbiene dem Frühjahrsputz nur wenig positives abgewinnen. Ihre Vorgehensweise erinnert daher ein bisschen an die Putzstrategie von Junggesellen des Homo sapiens sapiens.

 

Das Mauerbienenweibchen schiebt alle in der Brutröhre vorhandenen Überreste mit dem Kopf in den hinteren Bereich der Röhre. Nach dem Einziehen der hintersten Lehmzellwand ist die Welt dann wieder in Ordnung. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Durch diese Strategie wird der in den Brutröhren zur Verfügung stehende Raum für die Brutzellen mit jeder Saison immer kleiner.

2. Löcher- und Scherenbienen: Darf es etwas pedantischer sein?

Zwei sehr häufig an künstlichen Nisthilfen vorkommende Arten sind die Gewöhnliche Löcherbiene (Osmia truncorum) und die Hahnenfuß-Scherenbiene (Osmia florisomne). Diese Arten reinigen alte Niströhren sehr sorgfältig und entfernen alle Fremdkörper aus den Gängen.

Gewöhnliche Löcherbiene

  • Körpergröße 4-8 mm
  • Flugzeit: Juni bis September
  • bevorzugter Niströhrendurchmesser: 3 - 3,5 mm
  • 1-10 Brutzellen (durchschnittlich 4) in Reihe
  • Vermehrung: 2-16 (durchschnittlich 8) Eier
  • auf den Pollen von Korbblütler (Asteraceae) spezialisiert
  • Trennwände der Brutzellen aus Harz
  • Nestverschluß bis 11 mm mit eingelagerten Fremdkörpern
Löcherbienenwinzling (Osmia truncorum) im Sonnenblumenpollenparadies [zum Vergrößern bitte anklicken]
Löcherbienenwinzling (Osmia truncorum) im Sonnenblumenpollenparadies [zum Vergrößern bitte anklicken]

Hahnenfuß-Scherenbiene

  • Körpergröße 8-11 mm
  • Flugzeit: Anfang Mai bis Ende Juni
  • bevorzugter Niströhrendurchmesser: 3,5 - 5  mm
  • 2-3  Brutzellen (maximal 8) in Reihe
  • zwischen den Brutzellen werden oft Leerzellen eingebaut
  • auf den Pollen von Hahnenfuß (Ranunculus) spezialisiert
  • Trennwände und Nestverschluss aus mit Nektar und dem Sekret der Speicheldrüsen durchtränktem Lehm oder Sand
  • in den noch feuchtenNestverschluß werden mit den langen, gebogenen Mandibeln (Name!) kleine Steinchen eingesetzt. Nach dem Trocknen ist dieser Verschlußdeckel extrem hart
Scherenbiene Osmia florisomne Brutzelle Nistverschluß
Die Hahnenfuß-Scherenbiene (Osmia florisomne) beim Anlegen des Nestverschlusses [zum Vergrößern bitte anklicken]

Wildbienenmüllhalden

Frühjahrsputz bei der Hahnenfuß-Scherenbiene (Osmia florisomne). Alle Abfälle werden aus den Niströhren geschoben  [zum Vergrößern bitte anklicken]
Frühjahrsputz bei der Hahnenfuß-Scherenbiene (Osmia florisomne). Alle Abfälle werden aus den Niströhren geschoben [zum Vergrößern bitte anklicken]

Radikaler Frühjahrsputz

Scherenbiene Osmia florisomne Brutzellen Pollen Insektenhotel Insektennisthilfe
Die Hahnenfuß-Scherenbiene räumt eine Niströhre frei. Der leuchtend gelbe Pollen spricht für das Ausräumen einer Brutzelle, die von einer anderen Scherenbiene bereits fertig verproviantiert worden war

Wenn die Saison von Löcher- und Scherenbienen beginnt ist das nicht zu übersehen. Alle Weibchen sind emsig damit beschäftigt die alten Niströhren zu säubern und den Müll vor die Tür zu bringen. Binnen weniger Tage wächsen am Fuße der Nisthilfen die charakteristischen Müll-Endmoränen heran.

Wird der Nistplatz knapp "recycled" die Gewöhnliche Löcherbiene bereits besetzte Niströhren. Oben im Bild ist der geleerte Naturstrohhalm mit gelben Pollenresten zu sehen [zum Vergrößern bitte anklicken]
Wird der Nistplatz knapp "recycled" die Gewöhnliche Löcherbiene bereits besetzte Niströhren. Oben im Bild ist der geleerte Naturstrohhalm mit gelben Pollenresten zu sehen [zum Vergrößern bitte anklicken]
Frischer Pollen mit drei bereits gut entwickelten Bienenlarven die jetzt natürlich keinerlei Überlebenschance mehr haben [zum Vergrößern bitte anklicken]
Frischer Pollen mit drei bereits gut entwickelten Bienenlarven die jetzt natürlich keinerlei Überlebenschance mehr haben [zum Vergrößern bitte anklicken]

Wenn Nistplatz Mangelware ist, greift die Gewöhnliche Löcherbiene zu recht drastischen Maßnahmen. Sie öffnet bereits fertiggestellte Brutröhren und schaufelt den von einem anderen Weibchen mühsam eingetragenen Pollen samt den Bienenlarven wieder ins Freie. In der nun freien Niströhre legt sie dann ihre eigenen Brutzellen an.


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Kommentare: 2
  • #1

    Sabine Hillgren (Sonntag, 28 Juni 2015 19:48)

    Wirklich hochinteressant! Meine Schwester hatte mir heute von roten Bienen berichtet. Hatte bislang noch nie etwas davon gehört, aber man kann sich ja schlau machen. So bin ich auf dieser Seite hier gelandet. Richtig gut gemacht: leicht verständlich, spannend und der Humor fehlt auch nicht. Danke!

  • #2

    Gerd (Mittwoch, 25 Januar 2017 16:22)

    T

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